In welcher Welt möchte ich leben? Wo ist mein optimaler Bezugspunkt?

Für welchen Bezugspunkt möchte ich mich entscheiden? Für welche Welt möchte ich unterwegs sein?

Es ist eine wichtige hypnosystemische Grundannahme (Schmidt (2014)), dass Erleben erzeugt wird durch Aufmerksamkeitsfokussierung und daher ein objektives Wahrnehmen der Welt gar nicht möglich ist (siehe auch Kapitel „Erleben und Aufmerksamkeitsfokus“).

Nach Mechthild Reinhard gibt es zwei grundlegende Bezugssysteme/Zugänge, für die Sicht auf die Welt und Menschen, zwischen denen wir in unserem Alltag immer wieder hin und her pendeln. 

Einerseits das Bezugssystem der Welt, welches in unseren westlichen Kulturen aktuell vorherschend ist. Andererseits das Bezugssystem des Paradieses, das aktuell immer mehr zurückgedrängt und vergessen wird. Die Bezeichnung „des Paradieses“ ist in Anlehnung an das Grundwerk zur Autopoiese von Humberto Maturana und Francisco Varela zu verstehen. (In ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ (erschienen 1984) haben die beiden Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela das Konzept der Autopoiese dargelegt. Autopoiese besagt, dass sich lebende Systeme immer selbst erzeugen, organisieren und regulieren. Dieses Konzept nimmt uns alle in die Mitveranwortung im Hinblick auf den Zustand und unser Erleben der Welt, da es uns daran erinnert, dass wir Einfluss darauf haben, wie wir die Welt wahrnehmen und gestalten. Der Titel „Baum der Erkenntnis“ bezieht sich auf die Geschichte des Sündenfalls in der Bibel. Im Sinne der Autoren bedeutet das Erlangen der Erkenntnis jedoch nicht die Vertreibung aus dem Paradies, sondern das Bewusstwerden über die eigene Mitgestaltungsfähigkeit, wodurch eine ganz anderer Zugang entstehen kann.)

"Bezugssystem der Welt" steht für eine Betrachtungsweise und einen Kontext/Umgebungsbedingungen, in denen davon ausgegangen wird, dass es eine objektive Welt gibt, die messbar ist und abgebildet werden kann. Wo wir glauben, dass das, was wir sehen, so ist. Die Analogie „Mensch als Maschine“ passt auf diese Seite. Das Bezugssystem des Paradieses hingegen betont die Rolle der subjektiven Wahrnehmung und Bedeutungsgebung beim Erleben der Welt. Wo etwas in uns wie von einer anderen Welt kommend eine nicht greifbare Ahnung davon behält, wo wir herkommen, wo wir hinwollen, was der Sinn des Lebens ist. Denn die Welt, so wie sie ein Mensch sieht, gibt es nicht doppelt, es kann sie nur jeder Mensch für sich konstruieren und durch den Austausch mit anderen können intersubjektive Verständnisräume entstehen.

Beide Bezugssysteme haben ihre Berechtigung. Wenn es um tote Systeme wie Gegenstände, oder Maschinen wie Autos oder Flugzeuge geht, ist es wichtig, überprüfbar und genau wissen zu können, dass zB. das Flugzeug einwandfrei flugtauglich ist. Wenn es jedoch um das Erleben, Verhalten und die Bedürfnisse von lebenden Systemen wie Menschen geht, braucht es einen anderen Bezugsrahmen.

 

Nach Mechthild Reinhard haben wir als Menschen permanent die Aufgabe, diese beiden Welten in uns zu balancieren. Hier findet sich wieder der menschliche Grundkonflikt zwischen „Loyalität mit den Bedürfnissen der Äußeren Welt“ versus „Loyalität mit den ureigensten Bedürfnissen“. Alle Symptome sind für sie, vom Grundmuster her, immer Ausdruck des Versuchs/des Ringens darum, diese beiden Welten zusammenzubringen.

Die Lösung sieht sie darin, in sich eine allparteiliche Beobachterposition aufzubauen, die möglichst neutral ein Auge darauf hat, in welchen Kontexten man gerade unterwegs ist, wie es einem selbst und dem eigenen Organismus dabei geht und was es brauchen könnte, um alle mitschwingenden Anforderungen und Bedürfnisse möglichst stimmig balancieren zu können. Zudem ist es ihrer Meinung nach für uns in der heutigen abendländischen Gesellschaft Zeit, sich bewusst zu entscheiden, wo man den eigenen Bezugspunkt wählt. Ihre klare Empfehlung diesbezüglich ist es, sich dafür zu entscheiden, das Herz auf der Seite des Paradieses schlagen zu lassen und darauf zu achten - bei bleibender Schwingungsfähigkeit auch in den Bereich des Bezugssystems der Welt, denn das gehört auch zu unserem Alltag - das Zentrum auf diesem Punkt zu halten oder zumindest immer wieder schnell dorthin zurückkommen zu können. (Reinhard (2018))

Quellenverzeichnis:

  • Bartl, R. (2016). Sucht, Angst, Zwang, Essstörungen. Hypnosystemische Perspektiven zum hilfreichen Umgang mit leidvollen Störungen und deren geschützten Anliegen. C-Seminar Klinische Hypnose; Hypno-Synstitut Wien.
  • Fereberger, B. (2020). Ressourcen zur Stabilisierung des Nervensystems in Zeiten der Krisen. Seminar ÖAP; Wien
  • Gross, M. (2016). Von A wie Angst bis Z wie Zweifel. C-Seminar Klinische Hypnose; Hypno-Synstitut Wien.
  • Herr, A. (2017). Einführung in die Hypnosystemik. Gastreferent im 1.Modul des Grundkurses zur Systemischen Pädagogik bei Mechthild Reinhard; Helm-Stierlin-Institut Heidelberg
  • Kollar, A. (2018). Hypno meets Brainspotting 2. C-Seminar Klinische Hypnose. MEGA Wien
  • Maturana, H. & Varela F. (1984). Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann
  • Porges, S. (2010). Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation und ihre Entstehung. Paderborn: Jungfermann Verlag
  • Porges, S. (2016). Connectedness as a biological imperative: Understanding trauma through the lens of the Polyvagal Theory. Vorkongress-Workshop- Reden reicht nicht!?; Heidelberg
  • Porges, S. (2019). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit: Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. Liechtenau: G.P. Probst Verlag
  • Reinhard, M. (2017). Grundkurs Systemische Pädagogik und Beratung; Helm-Stierlin-Institut Heidelberg
  • Reinhard, M. (2018). Aufbaukurs Systemische Pädagogik und Beratung; Helm-Stierlin-Institut Heidelberg
  • Reinhard, M. (2020). Erweiterungskurs Systemische Pädagogik und Beratung inkl. Coaching & Supervision; Systelios-Akademie Siedelsbrunn
  • Schmidt, G. (2004). Liebesaffäre zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemische Konzepte für schwierige Kontexte. Heidelberg: Carl-Auer.
  • Schmidt, G. (2011). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.
  • Schmidt, G. (2014). Curriculum Klinische Hypnose (B1-B8) der MEG. Milton-Erickson-Institut Heidelberg
  • Schmidt, G. (2017). Selbsthypnose und hypnosystemisches Selbstmanagement. C-Seminar Klinische Hypnose; Milton-Erickson-Institut Heidelberg